Scheiden tut weh?

000802_c227_0038_cslpEine Trennung ist wohl nie wirklich angenehm, so im ersten Moment, zumindest die Hintergründe sind es meistens nicht. Die, um die es geht, liegt aber 14 Jahre zurück, ist also eigentlich emotional und hintergründig völlig verjährt. Auf Scheidung hatten wir damals beide keine Lust, weil es keinerlei Uneinigkeiten gab und wir kein Interesse hatten, Anwälte und Gerichte für einen willkürlich festgesetzten virtuellen Streitwert zu bezahlen.

Also sind wir zum Notar. Einen Ehevertrag, notariell beglaubigt, inkl. Gütertrennung, hatten wir ohnehin. Es folgte nach der Trennung eine beglaubigte Vereinbarung, dass wir fortan getrennt leben, alles gütlich untereinander aufgeteilt hatten, niemand etwas vom anderen möchte und beide auf jeglichen Versorgungsausgleich verzichten. Laut damaligem Gesetz hätte nach einigen Jahren einer von uns ohne Umstände, virtuelle Streitwerte, Gerichtsentscheid wegen ungewolltem Versorgungsausgleich und sogar ohne die Zustimmung oder das aktive Mitwirken des Anderen bei Bedarf die Scheidung einreichen können und die Sache wäre erledigt.

Tja, heute ist alles anders. Das Familiengericht hat null Interesse an unseren notariell beglaubigten Vereinbarungen, Verzichtserklärungen, etc. Weil: Letztes Jahr gab es diesbezüglich irgendeine Gesetzesänderung. Los ging es also mit der Bürokratie. Immerhin benötigt nur der einen Anwalt, der die Scheidung einreicht, in diesem Fall mein Mann. Der tat das auch nur, weil er eine inzwischen fünfjährige Tochter hat und eventuell deren Mutter, mit der er seit etwa 13 Jahren zusammen ist, heiraten möchte. Andernfalls ist das echt Latte, was auf irgendeinem Papier steht. Einen virtuellen Streitwert gibt es jetzt dennoch und auch über den Versorgungsausgleich entscheidet das Gericht, unser Wille spielt keine Rolle.

Zunächst gab es seitenlange Formulare auszufüllen, in denen beide angeben mussten, ob sie der Scheidung zustimmen, ob sie Unterhalt fordern, ob sie auf den Versorgungsausgleich verzichten oder bisschen Rente vom anderen abknipsen wollen, … Also all das, was bereits vor 14 Jahren als gemeinsame Willenserklärung notariell beglaubigt wurde.

Weiterhin musste jeder eine ausführliche Auflistung der Rentenanwartschaften anfordern. Bei uns beiden gab es angeblich ungeklärte Zeiträume, die wir glaubhaft darlegen mussten, und bei beiden handelt es sich um so minimale Rentenansprüche, dass der ganze Aufwand ein einziger Witz ist – wir waren nämlich beide nur ziemlich kurz in Angestelltenverhältnissen beschäftigt und sind seit ewigen Jahren selbstständig. Den bürokratischen Aufwand verweigern gilt nicht, weil das mit bis zu 20.000 Euro Ordnungsgeld oder Haft bestraft wird.

Als alles erledigt schien, bekam ich ein Schreiben vom Familiengericht, ob ich einer Anhörung beim hier örtlich zuständigen Gericht zustimmen würde, andernfalls würde ich nach Mitteldeutschland geladen. Das ist nämlich so – ich lebe ja seit zwölf Jahren im hohen Nordland auf meiner Insel, mein Mann aber noch in Mitteldeutschland, weit über 1.000 Kilometer entfernt von hier.

Musste ich also schriftlich bestätigen, dass ich einer Anhörung hier zustimme, andernfalls hätte ich dazu nach Mitteldeutschland reisen müssen. Wiederum Androhung eines Ordnungsgeldes bzw. Haft, sollte ich meiner Mitwirkungspflicht nicht nachkommen.

Mittwoch war es dann so weit, ich durfte mich aufs Festland zum Antsgericht zur Scheidungsanhörung begeben. Dort erwartete mich ein freundlicher Richter, dem ich zunächst mitteilte, dass ich dazu eigentlich gar nichts zu sagen hätte, weil erstens alles schon vor 14 Jahren notariell beglaubigt wurde und zweitens der ganze Schmu alles nochmals schriftlich dargelegt und bestätigt wurde.

Das gildet nicht, sagte der freundliche Richter und stellte seine Pflichtfragen:

  • Ob ich einen Versorgungsausgleich beantragen würde
  • Ob ich Unterhalt fordern würde
  • Ob ich mir eine Wiederaufnahme der Ehe vorstellen könnte

All meine Antworten musste ich plausibel begründen. Ein leichtes Schmunzeln breitete sich in seinem Gesicht aus, als er währenddessen in seiner Akte blätterte und ihr die minimalsten Rentenansprüche beider Ehepartner entnahm, als er in Anbetracht meines zwölfjährigen Inseldaseins nach der Wiederaufnahme fragte, als er …

Nach zehn Minuten war ich also wieder draußen und durfte eine Stunde auf den Zug warten, der mich zur Fähre bringen würde, die mich zurück auf meine geliebte Insel schippern würde, nachdem ich eine weitere Stunde Wartezeit am Hafen verbringen und in der Kälte schlottern durfte. Ähnlich verhielt es sich auf dem Hinweg. Der Ausflug kostete neben Fahrkarten und Verdienstausfall über sechs Stunden Zeit für insgesamt zehn Minuten Anhörung, in der eben das abgefragt wurde, was bereits vor 14 Jahren notariell und nun nochmal ausführlich schriftlich dargelegt und bestätigt wurde.

Das bedeutet aber nicht, dass das Gericht nach unserem Willen entscheidet. Es obliegt dem Familiengericht, Unterhaltsverpflichtungen festzulegen oder eben nicht, einen Versorgungsausgleich festzulegen oder eben nicht, überhaupt, die Ehe als geschieden zu erklären, weil eine Wiederaufnahme als unwahrscheinlich angesehen wird. Ein virtueller Streitwert wird selbstverständlich festgelegt, um im Falle einer als gescheitert anerkannten Ehe angemessene Gebühren kassieren zu können, die sich ja prozentual am nicht vorhandenen, aber eben vom Gericht angesetzten Streitwert orientieren.

Ja, scheiden tut weh in Anbetracht dieses bürokratischen Aufwands und der Kosten, die anhand eines nicht vorhandenen Streitwerts und kaum vorhandener Rentenansprüche berechnet werden. Scheiden tut außerdem besonders weh, da ich eine ausgemachte Festlandallergie habe und es mir das Herz bricht, meine Insel auch nur für wenige Stunden verlassen zu müssen – wie gewohnt wirkt sich diese Reise auch diesmal in einer saftigen Erkältung aus, die sich pünktlich am Abend der Rückkehr mit aller Macht bemerkbar macht und mich lahmlegt, Festlandallergie halt eben. Da nutzt das prompt wieder aufblühende Herz samt leuchtenden Augen just beim Betreten meiner Insel nach der Rückkehr auch nix gegen.

Scheiden tut weh! Deutschland manchmal auch!

Eine Antwort zu “Scheiden tut weh?

  1. Wenn ich so lese, muss ich an meine ganz anders gelaufene Scheidung denken … der Versorgungsausgleich brachte mir ein Plus von ca. 130 Euro Rente, was sicher, da meine Rente sowieso nicht sehr hoch ist mit momentan ca. 830 Euro .. brutto glaube ich, weiß aber nicht, was da dann von runter gehen wird .. eigentlich doch nicht schlecht für mich ist.
    Unterhalt hätte ich damals gern eingeklagt, aber ich brauchte dazu einen Rechtsanwalt und es hatte keiner Lust, mich in Sachen Unterhaltsklage (es ging um ca. 600 Euro Unterhalt im Monat, was mich frei vom Jobcenter gemacht hätte und ja 36 Ehejahre mit 4 gemeinsamen Kindern) und auch so noch Vermögensausgleich (es ging um soweit ich mich entsinne 8 Oldtimer unterschiedlichen Werts, teils mehrere Tausend Euro wert, eine ganze Halle voller Ersatzteile, Werkzeug und son Zeug) zu vertreten .. ich fand dann endlich einen, der mir aber klipp und klar erklärte, den lukrativen Versorgungsausgleich würde er für mich machen .. die Unterhaltsklage aber nicht. Also habe ich dann irgendwann genervt aufgegeben, was anderes zu erwarten.

    Inzwischen rede ich wieder mit meinem Ex, recht freundschaftlich .. es geht ihm ganz gut, er ist gerade wieder solo und sucht eine neue Partnerin … ich vermute, hätte ich Unterhaltsansprüche und so, wir würden uns heute noch immer deshalb zanken .. vielleicht war es besser so, wie es damals gelaufen ist.

    Als ich ihn damals traf, kam seine Anwältin nicht, hat ihn versetzt .. der Richter rief sie an und wir machten die Scheidung per Telefonkonferenz … echt witzig.

    Aber es war halt ein blödes Gefühl, was die alte Wunde wieder aufriss, weil zwei Jahre nach der Trennung.

    Kann verstehen, dass man sich auch bei sowas wie Du es gerade erlebt hast, noch ziemlich blöd fühlt.

    Eine Trennung ist nie schön, egal wie sie abläuft.

    LG
    Renate

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