Die windigen Wilden

018aHierzu –> Was muss Hund eigentlich alles leisten?, hierzu –> Wolfmagazin und hierzu –> Rudelstellung klargestellt mal einige eigene Erfahrungen. Windige Wilde deshalb, weil es sich überwiegend um Windhunde, Podencos und deren diverse Mixe handelt.

Die Wilden kenne ich live aus Südtunesien, ehemals Wilde haben bei mir gelebt, hinzu kommen Straßenhunde aus Frankreich und Dänemark, die ich in diversen Urlauben kennenlernen durfte. Letztere hatten sich eng an Menschen gebunden, bei denen sie spürten, dass sie ihnen nichts wollen. Die wildwindigen Tunesier lebten teils einzeln, teils in festen Verbänden, andere haben sich nach Bedarf zusammengetan. Was im Wolfsmagazin geschrieben steht, kann ich also nur bestätigen.

Bild 1130Alle, auch meine treuen Begleiter, hatten eins gemeinsam: Sie waren äußerst eigenständig. Das kann an der „wilden“ Vergangenheit gelegen haben, aber auch an der Rasse – in Jacko steckten mit Podenco und Husky gleich zwei Urhunde, Shanni war eine waschechte Podenca, Luna Podenco-Windspiel.

Sicher lag es nicht an einer angeborenen Rudelstellung, der sie auch all ihre Macken ganz sicher nicht zu verdanken haben. Sie waren es einfach gewohnt, für sich selbst zu sorgen, auf sich selbst aufzupassen und eigene Entscheidungen zu treffen, hinzu kommt eben das Ursprüngliche der Rassen.

Jacko war physisch und vor allem psychisch total angeknackst, echt völlig durch, als er zu mir kam, Luna mit Schrot durchlöchert, Shanni kannte bis sie aus irgendeinem Grund nicht mehr dort lebte nichts als ihr Erdloch. IMG_0158Wie auch in ihrer wilden Heimat haben sie sich bei mir und mit mir zu einer Gemeinschaft zusammengetan. Jacko war der Leitwolf, kein vorderer, kein hinterer, einfach souverän. Er hat den Mädels gezeigt, wie ihre neue Welt funktioniert und sich dabei auf das verlassen, was er in langen, schweren Jahren, bei und mit mir gelernt hat.

Luna war sein persönlicher Schützling. Sie hatte bei ihm, der sonst nur zum Spielen richtig enge Nähe zu anderen Hunden zugelassen hat, absolute Narrenfreiheit. Ist sie mal ausgebüchst, hat ein Fingerzeig von mir genügt, und er hat sie stolz und freudestrahlend zurückgebracht. Sie hat sich vollkommen auf ihn verlassen. Nach ihrem Tod war der Pascha nur noch ein Häufchen Elend, bis Shanni kam. 011a

Sie hat ihn auf Anhieb um die Kralle gewickelt und seine Welt war wieder in Ordnung. Auch sie hat ihm blind vertraut, wie er mir, was sich wie bei Luna auch auf das Verhältnis zwischen ihr und mir ausgewirkt hat. Oder ich bin wirklich einfach ein Hunde- und vor allem Podenco-Mensch, was weiß ich. Jedenfalls waren wir in der Tat ein Dreamteam. Shanni hatte allerdings nicht die Narrenfreiheit wie Luna bei ihm. Luna hatte er schlicht vergöttert, sie war sein Herzblut, Shanni seine geliebte Gefährtin.

Trotz ihrer Eigenständigkeit – die haben nichts, aber auch gar nichts gemacht, was sie nicht wollten oder ihnen nicht eingeleuchtet hat, diese Ursprünglichen – haben sie sich eng an mich angeschlossen. Habe ich einen Hund oder Menschen mit ins Team gebracht, haben sie es akzeptiert, waren aber auch froh, wieder unter uns zu sein. Wenn es nach ihnen ging, waren wir eine eingeschworene Gemeinschaft, in der andere Hunde nichts zu suchen hatten, es sei denn, wie erwähnt, ich habe das so entschieden.

Bild085Dann war es wiederum Jacko, der allen anderen zu verstehen gegeben hat, wie der Hase läuft, eben so, wie ich die Regeln aufgestellt hatte. Alle haben sich ihm bedingungslos gefügt, ich musste eigentlich gar nichts dazu tun. Seine Blicke und einfach sein Verhalten, ganz ohne Knurren oder sonst was, hat genügt.

Die Kommunikation zwischen ihm und mir verlief – nach etwa drei Jahren, in denen ihn noch seine Paniken gequält hatten – ohne Worte. So auch die zwischen ihm und unseren anderen Hunden. Ja, er war etwas ganz Besonderes, mein Leitwolf, Gefährte und Begleiter. IMG_1113

Wäre er von einem dieser Neuguru-Profis „begutachtet“ worden, wäre er sicher der Vordere oder Hintere gewesen, der nicht zu vergesellschaften ist oder eben allenfalls mit nem Kontrollfreak und nem Späher zusammen. Da ich auch ne ausgemachte Leitwölfin bin, wäre auch eine Vergesellschaftung zwischen ihm und mir garantiert blutig ausgegangen. Dass er letztendlich so war, wie er war, der ehemals ausgemachte Panikhund, wäre selbstverständlich nicht unseren jahrelangen Bemühungen zu verdanken gewesen.

Die Wilden in Südtunesien haben sich nur selten Menschen angeschlossen, sie waren hauptsächlich nachts unterwegs – einzeln oder in einer Gruppe, wobei es sich halt gezeigt hat, dass es tatsächlich solche gab, die allabendlich in gleicher Zusammensetzung unterwegs waren und solche, die allabendlich bunt zusammengewürfelt durch die Gegend streiften. Menschen sind sie aus dem Weg gegangen und die Menschen respektvoll oder bisweilen auch leicht geängstigt ihnen.

Ich habe es gelegentlich gewagt, auf so eine Gemeinschaft zuzugehen. Ich wurde beäugt, beobachtet, irgendwann dann auch mal umzingelt und willkommen geheißen. Sie haben nichts von mir erwartet, ich nichts von ihnen, sie haben mich akzeptiert und geduldet. Ging ich wieder meiner Wege, zogen sie weiter durch die Gegend. Es gab dort keinen ersichtlichen Führer, der entschieden hätte, mir aus dem Weg zu gehen, mich zu dulden oder mich zu verjagen. Sie haben gemeinschaftlich gehandelt.

Auch die Einzelgänger haben jeweils selbst entschieden, ob sie meine Bekanntschaft machen oder mich ignorieren wollten. Von einigen wurde ich nach einer Phase des entfernten Kennenlernens freudig begrüßt, andere haben mich keines Blickes gewürdigt, wieder andere waren total scheu. Wie ich im Laufe der Zeit erfahren habe, waren diese gegenüber einem jeweils bestimmten Menschenschlag aggressiv, statt ignorant. Vermutlich, weil es ihre angeborene Rudelstellung war und ihr Code nicht mit dem der betroffenen Menschen zusammengepasst hat weil sie mit einem ähnlichen Typ so ihre Erfahrungen gemacht hatten – wohl eher keine positiven.

Ja, ich bin ausdrücklich für die Mehrhundehaltung – wenn es für alle Beteiligten passt. Bei Jacko und seinen Damen war das eindeutig der Fall. Ich kann niemals ersetzen, was sich die Hunde untereinander geben können. Nein, obwohl ich ihn als Leitwolf bezeichnet habe, habe ich uns oder die Hunde nie als Rudel gesehen. Er war vom Charakter und Verhalten her ein Leitwolf und hatte Begleiterinnen an seiner Seite, die sich wunderbar an ihm orientieren konnten und das auch getan haben.

Bild0124Jetzt mit dem Racker passt es nicht mit einem Zweithund, der ist charakterlich viel zu unfertig. Er liebt alle anderen Hunde, auch deren gemeinsames Toben und deren Kommunikation kann ich nicht ersetzen, bei allen Bemühungen nicht. Er hat sich dennoch mir angeschlossen und lässt sogar seinen besten Kumpel stehen – echte Männerfreundschaft – wenn ich sage, dass es weitergeht. Dann ziehen wir zufrieden unserer Wege.

Ich könnte ihm keinen vorderen oder hinteren Führer vorsetzen, so es so etwas überhaupt gibt, den würde er total narrisch machen. Das würde blutig ausgehen. Einen Hund, der einen souveränen Begleiter zur Orientierung braucht erst recht, die mit ihren potenzierten Macken sich auch noch gegenseitig, und mich dann erst – olala!

Shanni wurde mit dem jungen Racker fertig. Wäre er an ihrer Seite aufgewachsen, hätte er ihr uriges Verhalten übernommen und sich womöglich ganz anders entwickelt. Würde ich jetzt einen Hund dazunehmen, wären wir alle überfordert. Er weiß übrigens, wer das Sagen hat und akzeptiert es. Deshalb ist er mir längst nicht untergeordnet und diese Akzeptanz ist ihm keineswegs angeboren. Er weiß einfach, dass er – bei mir – mit seinen Rackereien nicht durchkommt. Einige andere Menschen behandelt er als Spielzeug, vor wieder anderen ergreift er die Flucht oder will aufn Arm – also auf meinen natürlich.

Fazit: Die windigen Wilden leben nicht im Rudel und auch meine Hunde waren nie eines. Sie haben gegenseitig voneinander und wir voneinander profitiert und ich habe sie geliebt, Jacko und ich waren eine Einheit, der Racker und ich sind es auf andere Weise ebenfalls. Ein Rudel mit Alpha, Beta und Zeta gab es bei mir nie und gibt es jetzt nicht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich immer von MenschenHundeschulen, Trainern und Ausbildern (derer es sicher gute gibt …) weiten Abstand gehalten habe?

Mögen die windigen Wilden, auch in menschlicher Obhut, sie selbst bleiben dürfen.

4 Antworten zu “Die windigen Wilden

  1. Chérie war ja auch ein spanischer Mix, würde ich sagen. Aber einer, der in Neumünster von jemand so gezüchtet wurde. Sie hat 4 Jahre auf einem Balkon gelebt, bis die Nachbarn den Tierschutzverein eingeschaltet haben. Ich kann nicht behaupten, sie wäre ein Einzelgänger gewesen. Sie hat sich gut mit anderen Hunden und auch mit Boomer bei uns zu Hause vertragen. Sie war sehr verschmust und etwas zurückhaltender als Boomer, was aber nicht schwer ist, denn Terrier sind ja vollkommen schmerzfrei, was Aufdringlichkeit bei Menschen angelangt.

    Chérie kam aber auch wie gesagt nicht wirklich aus dem Süden und hat auch nie frei auf der Straße gelebt. Vielleicht liegt es daran und nicht an der Rasse, wenn sie anders waren, also Deine Südhünde.

    Chérie hatte eben nur diese tollen Riesenohren, die ich so hübsch fand und diese edlen Pfoten und die lange Nase, die sie immer etwas vornehm aussehen ließen.

    Weil Chérie wirklich gar nichts kannte, als sie zu mir kam, war sie zuerst total ängstlich bei allem und jedem und musste erst lernen, dass nicht alles, was wir draußen treffen, gefährlich ist. Das ging aber nach ein paar Monaten und dann war sie eigentlich recht normal.

    Ein umkomplizierter netter Hund mit dem Look einer feinen Dame, so würde ich sie beschreiben.

    LG
    Renate

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  2. Hast du dir das unter den Links mal durchgelesen Renate und weißt, was die Praktiken der „Rudekstellung“ bedeuten? Da geht es um weit mehr, als wie du deinen Hund erlebst und aus dem täglichen Zusammenleben heraus beschreiben würdest – nämlich genau darum nicht, sondern um sektiererisch anmutende Geldmacherei, unter der neben ihren (wohl in der Tat scheuklappenbehafteten) Menschen vor allem (!) deren Hunde leiden.

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    • Nee .. die Links vorn habe ich nicht gelesen. Muss mal rein schauen. Wo ich nun einige Gurus kenne, das ist beim sogenannten Horsemenship, wo ich auch nicht immer alles genauso für voll nehme, wie es in manchen Büchern geschrieben wird .. ich halte Pferde für intelligent genug, nämlich auch ihrerseits unser Verhalten durchaus interpretieren zu können .. schließlich sind das Fluchttiere, für die es wichtig ist, ihre Umwelt mehr als genau zu beobachten und ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Ich schau gleich mal rein.

      Oder ich erinnere mich auch sehr genau daran, was eine Nachbarin, die sich einen Greyhound aus dem Tierheim geholt hatte, in einem Hundekurs gelernt hat, nämlich ihren Hund zu leben, wenn der wildern war und zurück kam.

      Ich habe gesagt, sowas habe ich nie gemacht. Wenn mein Hund mir wegrennt, denn meckere ich, aber nicht zu knapp, damit er weiß, er soll das sein lassen .. und ich hatte noch nie einen Hund, der langfristig ständig abgehauen wäre und gewildert hätte. Also haben sie schon genug Gedächtnis, um zu wissen, wenn sie Mist gebaut haben. Ihr war da erzählt worden, ein Hund könnte sich ja nichts merken, der würde ausschließlich im Jetzt leben. Glaube ich nicht. So dumm sind Hunde nun auch wieder nicht.

      So, nun geh ich mal reinlesen.:)

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  3. Hei Nicole, ich habe gerad zwei dieser Links durch … von oben den mit der Nr. 1 in der Reihenfolge und dann den darunter, den recht kurzen Text.

    Also puhhh … so drastisch schlimme Pferdegurus sind mir wiederum bisher dann doch nicht untergekommen.

    Ich kenne z. B. dieses Einschätzen von Pferdekörpfen von Linda Tellington-Jones, aber nicht in dieser Art und so negativ.

    Ich kenne auch bei Pferden die Auffassung, dass eine Leitstute ihre Rangambitionen von der Mutter gern übernimmt. Das stimmt vermutlich sogar, ist aber im Alltag dennoch nicht so einfach und es macht sich auch kein Pferdehalter so einfach, denn es können ja durchaus mehrere Stuten, deren Mütter Leittiere waren, zusammentreffen und die müssen dann schon selbst klar stellen, wer in der Gruppe jetzt das Sagen kann.

    Es gibt da auch nicht solche Geschichten wie anschauen, einschätzen und nun verkauf mal Dein Pferd wieder, weil das Probleme geben kann.

    Das ist ja echt krass, was ich da gerade gelesen habe.

    Mehr von den Links geht gerade nicht .. ich schau später nochmal rein .. mein Männe schreit nach Happa-Happa, was noch unfertig in der Küche steht.

    Unter den Autoren über Hundeverhalten und Erziehung gibt es aber noch mehr ziemlich Verrückte … eine Ex meines Jüngsten ließ z. B. ihren Hund niemand sehen .. der dürfte nicht zu viel Aufmerksamkeit haben … ich habe vergessen, wie die Engländerin hieß, von der sie ein Buch gelesen hatte .. ich habe es ihr zuliebe auch gelesen und da vieles für vollkommenen Quatsch gehalten .. ich habe halt seit ich ein kleines Kind bin immer Hunde gehabt und eigene Erfahrungen gemacht und glaube nicht alles, auch nicht, dass es meinem Hund schadet, wenn ich ihm zeige, dass ich ihn gern habe und mich auch freue, wenn er mir freudig entgegenkommt. Das ist deren Thema.

    Ich glaube, sie wollte auch meinen Sohn dressieren, aber langfristig ist das irgendwie in die Hose gegangen .. lach.

    LG
    Renate

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