Was muss Hund eigentlich alles leisten?

Foto0387Genügt es nicht, einfach Hund zu sein? Da fängt das Problem an – was bedeutet das eigentlich, einfach Hund sein zu dürfen? Dazu gibt es – unter anderem – interessante Informationen von Thomas Riepe auf –> Rudelstellung klargestellt.

Meine Hunde und mich habe ich immer als Team bezeichnet, im Zusammenleben mit dem Pascha und der Fledermaus sogar als Dreamteam. Klar habe ich das Sagen, weiß ich schließlich, wie die menschliche Gesellschaft funktioniert, wo für Hunde nicht erkennbare Gefahren lauern, usw. Vertrauen war da oberstes Gebot, auf beiden Seiten – die Hunde mussten wissen, dass sie sich auf mich verlassen können, ich musste ihnen vertrauen, dass sie sich dran halten. Haben sie, deshalb hatten sie alle Freiheiten, die möglich waren.

Somit konnten sie eine gewisse Eigenständigkeit entwickeln und eben Hund bleiben. Faszinierend, da sie allesamt ausgemachte Panikhunde waren, allen voran der Pascha, der sich zu dem souveränsten Hund entwickelt hat, den ich je erlebt habe. Der Racker lernt noch,d er hat andere Macken und pubertiert ja außerdem in Höchstform 😉

Da fällt mir eine Aussage ein, die ich auf Twitter gelesen habe – sinngemäß: Du sollst deinen Charakter verändern, wenn du möchtest, dass dein Hund sich so verhält, wie du es willst. Aha!

Was muss denn mein Charakter tun, wenn ein ehemals angeschossener Hund sich bei jedem lauten Geräusch erschreckt, was, wenn ein ehemaliger Welpe als lebendiger Fußball gedient hat und was Menschen betrifft traumatisiert ist, was, wenn ein Hund neben mir an der kurzen Leine laufend von einem Fahrrad überrollt wird und fortan vor den Dingern flüchten will, was, wenn ein Welpe, ebenfalls angeleint, von Füßen und Rädern geschubst wird, und fortan jegliche Situation, in der das noch mal passieren könnte, fluchtartig meiden möchte, was, wenn eine als Brutmaschine missbrauchte Hündin nichts im Leben kennt, was , wenn …?

Sicher überträgt sich die innere Verfassung des Menschen auf die des Hundes, aber Einiges erfordert einfach viel mehr Zeit, Geduld und Arbeit, um es auszubügeln, als einen polierten Charakter aufzuweisen. Solche Pauschalisierungen mag ich gar nicht, nein, nein, nein.

Traumatisierte Hunde, die sich schließlich in der menschlichen Gesellschaft zurechtfinden und darauf vertrauen, dass ihr Mensch sie souverän da durch führt, leisten Erstaunliches. Warum sollen sie nicht einfach ihr Leben genießen?

Ok, unterschiedliche Hunde haben unterschiedliche Triebe und Vorlieben, diese auszuleben gehört natürlich dazu, wenn es darum geht, das Leben zu genießen. Natürlich tun sie das am liebsten zusammen mit ihrem Menschen oder mit einem gleichgesinnten Kumpel, mit dem sie sich zusammentun können. Notfalls begibt sich aber ein ausgemachter Freigeist wie ein Podenco auch alleine auf Streifzug – zu befreien weiß er sich schon, wenn ihn sein Mensch nicht lässt. Jawoll.

Den Jagdtrieb unterdrücken würde, um beim Beispiel Podenco zu bleiben, ihm seine sensible Seele brechen. Ebenso verhält es sich, wenn ein Rennhund nicht mal einfach unbeschwert und ausgiebig Gas geben darf, wenn eine Sportskanone nicht über alles springen darf, was sich anbietet, wenn ein Suchhund seine Nase nicht einsetzen darf, wenn ein apportiertfreudiger Zeitgenosse seinen weichen Fang nicht nutzen darf.

Es gilt also, die speziellen Veranlagungen eines jeden Hundes zu nutzen und in geeignete Bahnen zu lenken. Mein Pascha war beispielsweise ein begeisterter Laserpoint-Jäger – sobald er den roten Punkt erspäht hat, war er nicht mehr zu halten, natürlich konnte ich das Powerpaket damit auch begeistert an meiner Seite halten. Eine Reizangel mit Futterbeutel hingegen hätte er wohlwollend ignoriert nach dem Motto: Renn doch selbst hinterher.

Meine Podencos und -mixe sindaußerdem  mit Vorliebe im Slalom und Stakkato über die Hafenmauer gesprungen, so vor, zwischen und nach der Rennerei, bei der Mensch sich am Fahrrad abstrampeln darf. Wäre ich mit denen auf einen Hundeplatz zwecks Agility: Siehe oben, machs doch selbst, wenn du das so toll findest.

Der Racker liebt es, zu toben und Sammelzeuch zu finden. Einfach so. Apportieren? Nö! Klar, ich könnte es ihm beibringen, aber wozu? Warum kann Hund nicht einfach Hund sein?

Sicher, es gibt ausgesprochene Arbeitshunde, die sich ganz einer Aufgabe verschreiben, sei es als Rettungshund, sei es als Begleithund, sei es als Spürhund, sei es als Krankheitsanzeichenschnüffler, sei es als Hütehund, sei es als … Oft stammen solche Hunde aus besonderen Zuchtlinien und sie erfüllen zweifelsfrei – für den Menschen – ihren Zweck. Es macht sie auch stolz, zu tun, was von ihnen verlangt wird.

Aber warum muss ein Hund, dem es genügt, einfach nur ein Teil seines Teams zu sein und sich auszuleben, regelmäßig Leistungen im Agility, Dogdancing oder sonstigen immer neu erfundenen „Hundesportarten“ bringen? Ich meine: Es gibt durchaus Menschen, die Sport und Kräftemessen brauchen, um nicht zu verfetten oder sich minderwertig zu fühlen, nicht aber Hunde, die finden schon Möglichkeiten, sich auszuleben. Finden sie sie nicht, hat Mensch sich unter den gegebenen Umständen für den falschen Hund entschieden, so einfach ist das. Oder aber, er hat es versäumt, von seinem Hund zu lernen und sich mit ihm auf Abenteuer zu begeben, sich etwas einfallen zu lassen, statt widernatürliche Dinge von ihm zu verlangen.

Wäre das gegeben, würden nicht ständig neue Probleme geschaffen, für die neue Hundetrainer mit neuen Erziehungs- und Beschäftigungsmethoden aus dem Boden schießen, was wiederum erfordert, dass ein Hund antrainierte Probleme bewältigen muss – schon wieder eine herausragende, überflüssige Leistung …

Vielleicht muss Mensch tatsächlich seinen Charakter verändern, aber nicht im Hinblick auf „Hund tut, was ich will“, sondern sich eine Scheibe abschneiden. Könnte sich echt lohnen und wäre eine herausragende Leistung, sogar mit Pauschalisierungen könnte es dann vorbei sein.

2 Antworten zu “Was muss Hund eigentlich alles leisten?

  1. Ich finde auch, jeder Hund ist anders, auch jedes Pferd oder jedes andere Haustier, auch wenn man die gleiche Art um sich hat. Wie ich bei der Erziehung meiner Kinder als Althippie der Ansicht war, sie nach Möglichkeit dabei zu unterstützen, sie selbst zu werden, was dazu geführt hat, dass jedes meiner Kinder sein Hobby zum Beruf gemacht hat .. und das sind bei vier Kinder vollkommen verschiedene Wege gewesen, weil jedes vollkommen anders ist als das andere …so denke ich das auch über unsere Haustiere.

    Auch das mit den Erlebnissen kann ich bestätigen.

    Bei unserem Knabstrupper Reno war ich dabei, wie er eine Aversion gegen das Angebundensein an einer Putzstange entwickelte. Er stand dort nur, weil sein Reiter noch etwas aus dem Haus holen wollte, als ein Nachbar von uns von seinem Auto einen Haufen Blechplatten auf den Hof warf .. Reno erschreckte sich und riss den gesamten Paddockzaun ein und hätte fast den daran befindlichen Offenstall mit eingerissen, der schon wackelte. Man konnte ihn später nur mit dem Führstrick um die Putzstange wickeln, weil er immer ab und zu plötzlich nach hinten ging und in Panik geriet, wenn er merkte, dass er festgefunden ist. Weg gelaufen ist er mir beim Putzen übrigens nie. Es hat ihm genügt, mal einige Schritte rückwärts gehen zu können um zu sehen, er kann bei Gefahr eben flüchten.

    Chiwa hatte lange einen ausgeprägten Sattelzwang. Da war ich auch dabei und mit viel Üben haben wir das in Jahren auch halbwegs in den Griff bekommen. Einer meiner Schwiegersöhne, Hobby Gewichtheben, viel zu viel Kraft, wollte meiner Tochter helfen und zog den Sattelgurt zwei Loch zu eng an. Er wird Chiwa dabei fast die Rippen gebrochen haben. Ich war dabei, den Gartentisch abzuräumen, als sie in Panik geriet, bin hin und habe den Sattel sofort gelöst. Das ist mehr als 10 Jahre her, aber noch heute hat sie zuweilen Anwandlungen, beim Satteln Angst zu kriegen. Es wurde nur mit sehr viel Geduld langsam wieder besser.

    Unseren Hund Boomer haben seit wir ihn haben bisher drei große Hunde zum Teil mehrfach gebissen und einmal sogar fast umgebracht. Der erste war ein Doggenmix einer drogensüchtigen Frau, die unsere damals noch beide Hunde sehr oft vor dem Haus angegriffen hat, später hat ihn eine Rottweiter-Hündin zuerst leicht und beim zweiten Angriff lebensgefährlich verletzt und ihm fast die Kehle aufgerissen, und vor einigen Wochen dann eine Deutsche Dogge im Maul gehabt und geschüttelt, die ich irgendwie daran hindern konnte, ihn umzubringen, den das hätte sie ohne meine Hilfe sicher damals getan.

    Natürlich wirkt sich das auf einen Hund aus. Ich kann den Boomer anders als zu Anfang, als ich ihn aus dem Tierheim holte und problemlos mit unserer damaligen Hündin spielen ließ, heute nicht mehr einfach so ohne Aufsicht auf fremde Hunde zulaufen lassen. Er ist durch diese Angriffe aggressiv geworden und spielt nur noch mit Hunden, die er kennt und wo er weiß, dass sie ihm nichts tun. Man kann ihn auch an neue Hunde gewöhnen, aber mit Vorsicht, und immer klappt das nicht. Das war nicht immer so.

    Insofern vielleicht sollte der Mensch sich dahingehend verändern, dass er in Bezug auf seine Haustiere sein Gehirn benutzt und sich überlegt, wie sind diese Tiere von Natur aus und was haben sie erlebt oder wenn man es nicht weiß, was könnten sie erlebt haben, wenn sie ein betimmtes Verhalten zeigen, das auf ein traumatisches Erlebnis hin deutet.

    Boomer hat übrigens Kunststücke wie Boomer roll, tanz, Sitz, Platz, Pfötchen, fang und sonstwas binnen Minuten gelernt und spielt mit Wonne. Das passt halt zu ihm.

    Als wir mal beim Dogdancing waren und dieses zwischen den Beinen durchlaufen sahen, haben wir das .. gibt da Leckerlis bei denen .. ausprobiert .. das ging ohne Üben.

    Und eine unserer Stuten lief ohne Üben durch platzende Luftballons oder Feuer … üben mussten wir Traversalen, aber das fand keiner der Zuschauer spektakulär .. dabei war genau das schwer, ihr beizubringen.

    LG
    Renate

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  2. Hat dies auf Wortzaubereien und Allerlei rebloggt und kommentierte:

    In diesem Zusammenhang bitte unbedingt lesen und Hirn einschalten. Welche Nummer bist du denn, Mensch, passt du überhaupt mit deinem Hund und deiner Familie zusammen? Machen wir nicht besser eine Tauschbörse für stimmig genetische Zusammenführungen auf?

    Bah!

    http://www.an-der-leine.de/2014/03/gastbeitrag-geburtsstellung/#more-3393

    http://rudelstellungen-klargestellt.de/?p=524

    http://www.sitzplatzfuss.com/vererbte-rudelstellung-wozu-hundebesitzer-sich-durch-gurus-manipulieren-lassen/

    Gefällt mir

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