Nebelland

Dank an die Wahlwienerin für diesen Beitrag.

1989, Westdeutschland. Ein Tag im Herbst. An das Datum kann ich mich nicht mehr erinnern, es war aber mit ziemlicher Sicherheit unter der Woche. Morgens konnte man kaum etwas erkennen, so dicht war der Nebel, doch am frühen Mittag brach die Sonne durch, für uns das Signal: Es wird doch noch ein guter Tag. Gute Tage waren diejenigen, die wir mit unseren Kindern am Spielplatz verbrachten. Wir – sechs Frauen mit kleinen Kindern, manchmal mehr, aber wir sechs saßen da Nachmittag für Nachmittag und beaufsichtigten den Nachwuchs. Wer wollte, konnte zwischendurch Einkaufen gehen, zum Friseur oder die Wohnung putzen. Wir hatten Kaffee in Thermoskannen dabei, Kuchen gab’s und Kekse, für die Kinder auch Saft, Tee, Obst und sonstige Verpflegung.

Überhaupt gab es alles. Wir mussten auf nichts verzichten. Wir hatten alle schöne, große Wohnungen, mindestens ein Auto pro Familie, wir machten Urlaub, wo immer wir wollten. Wir konnten sagen, was wir denken, die einzige Konsequenz war, dass einen irgendjemand für doof hielt und vielleicht – im schlimmsten Fall – den Kontakt abbrach.

Eine von uns hatte Verwandte in der DDR. Dort fuhr sie jedes Jahr einmal hin und kam immer mit einem neuen Mantel zurück, gekauft im Intershop mit Westwährung. Außerdem hatte sie regelmäßig nette Anekdoten im Gepäck, was „denen da drüben“ momentan wieder alles fehlte. Wir amüsierten uns sehr. Ein Land, in dem Kuchengabeln Mangelware waren? Oder Wasserhähne? Beilagscheiben? Mangos? Sehr sonderbar, das alles. Trotzdem interessierte es uns nicht weiter. Dieses sonderbare halbe Deutschland lag weit, weit weg, irgendwo im Nebel. Wir pflegten lieber unsere eigenen kleinen Sorgen.

Was, dein Kind schläft immer noch nicht durch? Muss an den Windeln liegen. Kauf doch Supermarke Pinkels mit dem Gummizug, selbstklebendem Verschluss und integrierter Popopflege. Was, in dem Alter noch Blähungen? Dann füttere ihm doch nicht immer diesen selbst gekochten Pamps, kauf doch Supermarke Happahappa Gläschenkost! Ach, diese Jeans mit Blümchendruck ist aber süß! Da passt das Oberteil von Supermarke Kiddieklamotte sicher perfekt dazu! Gibt’s grad im Sonderangebot! Oh Mann, nächsten Monat muss mein Auto zum TÜV, nichts als Stress, sag ich euch!

Am Rande verfolgten wir abends in den Nachrichten, was „dort drüben“ gerade so passierte. Ich wage zu behaupten, dass wir es zum Teil aus Sensationsgier taten, zum Teil aus „was sind wir froh, dass wir DA nicht leben“, auch wenn wir uns in den wenigen Gesprächen, die sich nicht um Kinder, Küche und Klamotten drehten, sehr betroffen zeigten. Wir hatten einfach keine Ahnung. Obwohl wir nicht uninteressiert am allgemeinen Geschehen waren, obwohl wir nicht dumm waren. Aber wir waren oberflächlich.

Eine Ahnung, wie es wirklich war, bekam ich erst am neunten November. In dieser Nacht saß ich stundenlang vor dem Fernseher. Das war ein Donnerstag. Am darauffolgenden Sonntag war ich mit meinen Kindern im Auto unterwegs und fuhr in die Innenstadt. Unsere Straßen waren voller Trabbis. Wildfremde Menschen winkten mir zu, mit Tränen in den Augen. Diesen Tag werde ich nie vergessen.

In der nächsten Woche traf ich immer wieder fremde Menschen im Supermarkt um die Ecke, die fassungslos vor den übervollen Regalen standen. Zum ersten Mal begriff ich. Nein, es war nicht die Fülle des Angebots. Es war auch nicht die Schönheit meiner Stadt oder anderer Orte im Westen. Es war: Wir können. Wir dürfen.

Doch die Arroganz und Dummheit, die mir bis dahin zu Eigen war, die hielt sich noch lange. Einige Monate nach dem Mauerfall kam eine neue Schülerin in die Klasse meiner großen Tochter. Die beiden freundeten sich an, eines Nachmittags war meine Tochter bei der neuen Freundin eingeladen. Als ich sie am Abend abholte, wurde ich freundlich hereingebeten. Die Mutter des Mädchens zeigte mir stolz ihre Wohnung. Das schöne, neue Bad mit Dusche und Badewanne. Die Einhebelmischer. Die funktionierende Zentralheizung. Die Gegensprechanlage. Die Küche und sogar den vollen Kühlschrank.

Und ich? Ich stolperte über die Sprachbarriere. Denn sie sprach von einer Dreiraumwohnung. So ein Schmarrn, dachte ich, bisserl muss man sich schon anpassen, wenn man hier lebt. Das heißt hier Dreizimmerwohnung, das weiß doch jedes Kind. Genau so äußerte ich mich dann auch am Spielplatz. Dreiraumwohnung. Ja, geht’s noch? Zustimmendes Gelächter am Spielplatz. Die haben ja noch viel mehr so komische Wörter, habt ihr schon gehört? Neulich, in der Hendlbraterei, wollte doch tatsächlich jemand einen Broiler kaufen.

Ja. So war das. Ich habe seitdem einiges dazu gelernt. Hoffentlich.

Eine Antwort zu “Nebelland

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